Berliner Étiquette

Flohmarkt am Arnswalder Platz
Flohmarkt am Arnswalder Platz

Dieser Montagmorgen unterscheidet sich ganz erheblich von den übrigen Montagmorgen der drei vergangenen Septemberwochen: es ist schönes Wetter. Die Sonne strahlt, es ist mild und ich kann mich wohl zum letzten Mal dieses Jahr in Flip-Flops auf die Straße trauen. So schnappe ich mir die Kamera und mache mich auf die Suche nach ein paar sonnigen Schnappschüssen im Kiez.

 

"...perfekt zum Schlendern."

 

Ich entscheide mich für das Bötzowviertel. Erstens liegt es fast vor der Haustür und zweitens ist es perfekt zum Schlendern. Eingerahmt von der viel befahrenden Greifswalder Straße, der Danziger Straße und dem Volkspark Friedrichshain, in dem ich meine halbe Kindheit sommers wie winters verbracht habe, ist es neben dem Wins- und Kollwitzviertel einer der beliebtesten Ortsteile des Prenzlauer Bergs. Die Familie Bötzow, Großgrund- und Brauereibesitzer, leiht dem Kiez seinen Namen, obwohl die (ehemalige) Bötzow-Brauerei anderthalb Kieze weit entfernt am unteren Ende der Prenzlauer Allee liegt.

 

Die Bötzowstraße ist nicht nur namensgebend sondern auch das Highlight des Kiezes. Hier befinden sich unzählige Cafés und Büchereien, kleine Second-Hand-Shops und Kinderläden, Bäckereien und Eisdielen, Zeitungskioske und ganz am Ende das altehrwürdige Filmtheater am Friedrichshain. Hier und da spazieren unverhofft Promis von A bis Z an einem vorbei, beim Einkaufen oder beim Kaffee trinken.

FAF Filmtheater am Friedrichshain
FAF Filmtheater am Friedrichshain
Im lauschigen Bötzowkiez
Im lauschigen Bötzowkiez
Bötzowstraße
Bötzowstraße

Trotz vieler zugezogener Neuberliner ist das Viertel bei weitem keine Partymeile. Vor allem junge Familien zieht es in den abwechslungsreichen Kiez, der allen Ansprüchen des sozialen und kulturellen Lebens gerecht wird. Die größtenteils wunderschön restaurierten Gründerzeit- und Jugendstilbauten, schon Ende des 19. Jahrhunderts für den Mittelstand gedacht, machen den Bötzowkiez aber nicht nur für Familien interessant. Investoren aus aller Herren Länder haben sich mittlerweile ihre Claims abgesteckt, was abgesehen von der viel besprochenen Gentrifizierung und Verteuerung des Wohnraums nebst Abwanderung alteingesessener Bewohner sowie Ladenbesitzer auch für internationalen Charme und Vielfalt sorgt. Allerdings kann auch des Öfteren merkwürdiges Verhalten beobachtet werden.


Mit merkwürdigen Gepflogenheiten meine ich den Umgang miteinander. Ich glaube manchmal, dass man hier im Prenzlauer Berg, bzw. in Berlin allgemein, Fremden gegenüber oftmals nicht sehr freundlich ist. Zumeist passieren wir unser Gegenüber unter abfälligem Mustern der Äußerlichkeiten, natürlich untermalt mit verkniffenem Gesicht. Lächeln ist ein NO-GO, uncool, einfach unangebracht. Es sei denn man kennt sich. Da ist die Freude über ein unverhofftes Wiedersehen umso größer, Gesetz dem Fall dass man seinen Gegenüber auch mag. Aber ich schweife ab.

Der Stierbrunnen am Arnswalder Platz
Der Stierbrunnen am Arnswalder Platz

Dieser besagte Montagmorgen ist die Ausnahme. Mitten auf dem Arnswalder-Platz, ich habe gerade den Stierbrunnen hinter mich gelassen, geschieht das Undenkbare: Entgegen der üblichen Berliner (Un-)Freundlichkeit werde ich ungewöhnlich höflich von einem Spaziergänger gegrüßt, obendrein mit einem Lächeln beschenkt. Ganz perplex grüße ich zurück. Und den Wunsch nach einem „Guten Tag“ erwidere ich ganz brav und artig. Doch insgeheim bin ich von der Situation auch leicht überfordert. Warum ist der Kerl so freundlich? Hat der noch alle Nadeln an der Tanne? Oder wurde der gerade frei gelassen?


"...überhaupt noch in der Lage,

im Alltag mit Freundlichkeit Fremder umzugehen?"

 

Ich stelle mir die Frage, warum ich diese offensichtlich freundliche Geste so auf die Goldwaage lege, ja, fast skeptisch aufnehme? Bin ich überhaupt noch in der Lage, im Alltag mit Freundlichkeit Fremder umzugehen? Dazu eine Anekdote: Vor einiger Zeit fand ich in meinem Briefkasten einen Umschlag ohne Absender, darin ein Zettel und eine CD. Auf dem Zettel stand etwas wie „Von Jemanden, der Dich mag.“ Auf der CD waren eine Reihe von Songs, die zu dieser Zeit in den Charts präsent waren – soweit also alles schön und gut. Und trotzdem, mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Wer kann das gewesen sein? Einige Tage später ein weiterer Brief, diesmal ein Gedicht. Obwohl die Zeilen schön waren, wollte sich kein wohliges sondern eher ein ungutes Gefühl in der Magengegend einstellen. Mehrere Wochen grübelte ich darüber nach, wer der Verfasser sein könnte. Schlussendlich steckten gute Freunde hinter den Briefen. Doch so richtig genießen konnte ich diese gut gemeinte Geste der Verbundenheit nicht – es stand einfach kein Name drauf! Grund genug, an etwas Böses zu denken obwohl etwas Gutes getan wurde. Ist das heutzutage normal in einer Großstadt? Im Urlaub, beim Wandern oder beim Abendessen zeigt man sich ja schließlich auch von einer besseren, offeneren und freundlicheren Seite. Vielleicht sollte man mal hinterfragen, ob man ebenso unfreundlich dreinschauend durch die Welt schreitet wie die bereits beschriebenen Mitmenschen und vor allem, ob man aus diesem Schema ausbrechen möchte.

Am Arnswalder Platz wird herbstliche Sonne getankt.
Am Arnswalder Platz wird herbstliche Sonne getankt.

Ich habe jedenfalls eine Entscheidung getroffen. Wenn mich der nächste nette Mitbürger auf der Straße grüßt, werde ich ohne Hintergedanken mein liebstes Zahnpastalächeln aufsetzen und ebenso freundlich wie bestimmt mit einem kräftigen

 

„Wunderschönen juten Tach!“

 

antworten.