Winsviertel - eine ewige Baustelle

Blick auf die Winsstraße von der Danziger Straße aus
Blick auf die Winsstraße von der Danziger Straße aus

Es ist wieder Wochenende, die Sonne scheint so kräftig und strahlend wie lange nicht mehr, und das Ende Oktober. Grund genug, wieder loszuziehen und einen Spaziergang im Kiez zu machen. Wie immer dabei sind Kamera und Notizblock.

 

Diesmal geht es in das Winsviertel. Es liegt im Herzen von Prenzlauer Berg, eingerahmt durch die Danziger und Greifswalder Straße, Prenzlauer Allee und die Friedhöfe an der Heinrich-Roller-Straße. An diesem Tag geht es sehr idyllisch in der Winsstraße zu. Im Gegensatz zu normalen Wochentagen ist hier gar nichts los - man würde sogar problemlos einen Parkplatz finden. Sehr, sehr untypisch!

 

Ich gehe eigentlich gerne hier spazieren. Es erinnert mich immer an jugendliche Ausflüge, viel Basketball auf Freiplätzen und an durchtanzte Nächte. Mein Bruder hat lange hier gewohnt, am unteren Ende der Winsstraße. In den legendären 1990er Jahren, als der Prenzlauer Berg noch Aufbruchsstimmung und alternative Szene bedeutete. Am Wochenende habe ich mich immer zu Hause abgemeldet, mich dann von Freitag bis Sonntag bei meinem Bruder einquartiert und die Tage mit Freunden genossen. Damals, als noch der Knaack-Klub in der Greifswalder Straße existierte und der Fotoautomat an der Kaisers Kaufhalle stand. Mit der S-Bahn bis Warschauer Straße und dann mit der M10 bis zur Haltestelle Winsstraße. Das war mein Weg zur zweitägigen Freiheit, die ich in vollen Zügen genossen habe, in meinem jugendlichen Leichtsinn…

 

Winsstraße Ecke Marienburger Straße
Winsstraße Ecke Marienburger Straße
bunte Vögel fliegen immer noch im Prenzlauer Berg herum
bunte Vögel fliegen immer noch im Prenzlauer Berg herum

Tischtennis am Wochenende auf der Marie
Tischtennis am Wochenende auf der Marie

Aber zurück zum Hier und Jetzt. Schon vor Jahren empfand ich die Winsstraße als eine einzige Baustelle. Und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Ich frage mich, ob es zu Zeiten von Thomas Wins, dem Namensgeber des Winsviertels, auch so hektisch zu ging? Der Gutsbesitzer war im 15. Jahrhundert mehrmaliger Berliner Bürgermeister und musste sich wohl auch damals schon mit Zugereisten beschäftigen. Ich denke, man kann diese Frage gut mit einem klaren JA beantworten, denn in den 777 Jahren, seit der ersten urkundlichen Erwähnung Berlins im Jahr 1237, ist unsere schöne Hauptstadt stets und stetig gewachsen, an Menschen, Häusern und Problemen.

 

Wie das Bötzowviertel entstand auch der Winskiez zum Ende des 19. Jahrhunderts und ist geprägt von vielen, vielen schönen Altbauten. Darunter befinden sich sowohl Mietskasernen als auch Gründer- und Industriebauten. Wenn man die Chance hat, von der Prenzlauer Allee einmal einen Blick auf die bis zu vier Innenhöfe zu erhaschen, ist das schon ziemlich beeindruckend. Diese alten Schinken wiederum sind extrem beliebt bei Neuberlinern (sowie Altberlinern) und so ist es nicht verwunderlich, dass die Winsstraße seit gefühlt 20 Jahren eine ewige Baustelle ist. Während zu Zeiten der DDR die Häuser sich selbst überlassen wurden, wird bis heute in und um die Winsstraße herum gebaut, saniert und renoviert was das Zeug hält! Und das, obwohl der Winskiez schon seit 2011 kein Sanierungsgebiet mehr ist. Gerade werden die sogenannten Winstwins saniert und zu luxuriösen Eigentumswohnungen umgebaut, die schon fast alle verkauft sind. "Willkommen im Kiez, Ihr Großverdiener!"

 

Ein Stück weiter wird eine Fassade neu gemacht, am Ende der Straße steht auch schon ein riesiger Kran für die nächsten Arbeiten bereit. Die ehemalige Straße von Arbeiterkindern kommt also nicht zu Ruhe. Immer neue Baustellen und Projekte prägen das Gesicht, den Wandel des Winskiezes. Lücken wurden geschlossen und Freiflächen erobert. Dazu zählt die MARIE in der Marienburger Straße, eine der wenigen "Grünflächen" im Kiez. Die Fläche des ehemaligen Rettungsamtes ist nun Abenteuerspielplatz, Spielplatz und Treffpunkt für jung und alt.

nur eines von vielen Gerüsten in der Winsstraße
nur eines von vielen Gerüsten in der Winsstraße

 

Was die Bewohner wohl zu den vielen Baumaßnahmen in direkter Nachbarschaft sagen? Ständig Lärm, Bauschutt und Veränderungen. Wahrscheinlich nicht viel, denn die Anwohnerstruktur hat sich fast um 180 Grad gewandelt. 2011 lebten nur noch 12 Prozent der ursprünglichen Anwohner im Winskiez [1]. Und welchen kulturellen Einrichtungen und Institutionen alles dem Erschaffen von Wohnraum im Kiez weichen mussten, von dem will ich jetzt gar nicht sprechen. Darüber ist ebenso wie von der Gentrifizierung schon allerhand geschrieben worden. Man darf auch nicht vergessen, dass durch den Wandel auch neue Impulse gesetzt und neue kulturelle Angebote geschaffen werden.

 

Ich bin froh, dass ich in der Winsstraße spazieren gehen und erstklassigen Rucola im Gemüseladen kaufen kann, aber direkt wohne möchte ich hier nicht. Obwohl es in meiner Straße zurzeit auch heiß her geht. Erstens ziehen ständig Menschen ein bzw. aus und verstopfen am Wochenende die Straße. Zweitens werden auch hier gerade Hinterhöfe und Fassaden neu gemacht. Aber so ist es nun mal in Berlin, einer Stadt, die niemals still steht:

 

"Nichts ist so beständig wie der Wandel"

 

Heraklit von Ephesus (etwa 540 - 480 v. Chr.)

 

Lesetipps:

Knut Elstermann, Meine Winsstraße, Bebra Verlag, ISBN: 978-3898091077

Der radioeins-Moderator erzählt eine wunderbare Geschichte von seinem Winskiez, seinen Erinnerungen, von den Menschen, die hier einst lebten und noch leben. All das ohne Trotz und nur mit kleinen Anmerkungen zur heutigen Entwicklung. Unbedingt lesenswert!

 

[1] Jens Sethmann, Real gewordene Klischees unter http://bit.ly/1nZW0yK

Interessanter Artikel aus dem Jahr 2011 mit vielen bemerkenswerten Zahlen zur Veränderung des Wins- und Bötzowviertels.

 

Blick von der Heinrich-Roller-Straße
Blick von der Heinrich-Roller-Straße