Der Mauerfall- Eine Erinnerung

 

Wer während der letzten Wochen die Zeitung aufgeschlagen, den Fernseher angeknipst oder nur einen Fuß vor die Tür gesetzt hat, wird es schon mitbekommen haben: Der Fall der Mauer jährt sich zum 25. Mal. Seit Wochen wurden Vorbereitungen für die Festlichkeiten in Berlin getroffen. Die Straße des 17. Juni ist seit Beginn der Herbstferien gesperrt, um Platz für das große Fest am Brandenburger Tor zu schaffen. Seit Freitagnachmittag markieren leuchtende weiße Ballons den früheren Grenzverlauf in der Innenstadt - Bornholmer Straße, Mauerpark, Bernauer Straße und natürlich am Potsdamer Platz sowie Checkpoint Charlie und East Side Gallery. Am heutigen Sonntag, dem 9. November werden die Luftballons freigelassen, als Symbol der Freiheit und Höhepunkt der Festlichkeiten „25 Jahre Mauerfall“.

 

Viele Menschen bevölkern die Straßen bei diesem „Event“. Darunter viele Touristen und junge Menschen aus aller Herren Länder, für die der Begriff „Berlin Wall“ kaum eine persönliche Bedeutung haben dürfte. Natürlich, für Jahrzehnte war die Mauer in Berlin ein Symbol für den Kalten Krieg, deren Fall das Ende der DDR und damit eines Staates einleitete. Doch wirklich nah dran waren wohl die meisten nicht, einige waren noch nicht einmal geboren - und das Schicksal derer, die unmittelbar betroffen waren, können diese Besucher nur schwer nachvollziehen.

 

Unter den Massen an Besuchern des Jubiläums sind auch viele Menschen, deren Schicksale unmittelbar mit dem Fall der Mauer verknüpft, deren Biografien neu geschrieben worden sind. Viele gewannen eine neue Form von Freiheit, erlebten eine große Erleichterung und ein tiefes Gefühl von Zusammengehörigkeit. Einige verloren von Jetzt auf Gleich ihre Arbeit, ihr Weltbild, ihren Halt. Es wird viel diskutiert, erinnert und geredet. Manchmal nimmt es überhand, aber interessant ist es allemal. Vor allem als Berliner Kind.

 

Auch an mir gehen die Feierlichkeiten nicht spurlos vorbei. Ich denke darüber nach, wie ich den 9. November erlebt habe, welchen Einfluss der Mauerfall auf mein Leben hatte. Wie hat meine Familie diesen großen Tag und die darauffolgende Zeit erlebt? Seht selbst...

 

Eine Leinwand im Mauerpark macht unter anderem auf die vielen Maueropfer aufmerksam.
Eine Leinwand im Mauerpark macht unter anderem auf die vielen Maueropfer aufmerksam.


Ich habe nachgeschaut. Der 9. November 1989 war ein Donnerstag. Ein grauer Herbsttag, so wie heute, sagt die Zeitung. Ich war damals sieben Jahre alt und glaube mich daran zu erinnern, dass alles normal war, wie an anderen Tagen auch. Dennoch war nicht alles wie gewohnt. Meine Geschwister und ich, wir waren ungewöhnlich lange auf. Mein großer Bruder hörte Schabowskis Rede im Radio und war fasziniert von dieser plötzlichen Veränderung im Alltag. Am nächsten Tag wurde in der Schule alles ausgewertet, die Stimmung auf aufgewühlt und Lehrer fehlten. Meine Mama verfolgte die Grenzöffnung spätabends im Fernsehen, mit Bangen um die Zukunft. Mit gemischten Gefühlen, denn die Euphorie um mögliche Reisefreiheiten wurde von der Sorge um den Arbeitsplatz überdeckt. Und die Grenze lag quasi bei uns um die Ecke. Der Grenzübergang Oberbaumbrücke war nur zehn Minuten zu Fuß von unserer Wohnung entfernt.

 

Meine lebhafteste Erinnerung in Sachen Mauerfall ist mein erster Ausflug in den Westen! Nicht direkt am 9. November, sondern wenige Tage später. Am Grenzübergang Bernauer Straße begann die Reise, über die Müllerstraße bis zu einem der großen Kaufhäuser Hertie, Karstadt oder Bilka. Ich weiß gar nicht mehr, ob meine Mama oder meine Oma mit dabei waren. Was ich weiß, ist, dass ich beim Betreten des Kaufhauses richtig große Augen bekommen habe. So viel Spielzeug, so viele bunte Farben und Unmengen an Süßigkeiten. Wir haben uns alles angeguckt. Allerdings war ich nur an der Spielzeugabteilung interessiert. Und ich dürfte mir etwas aussuchen, musste aber auch an meinen kleinen Bruder denken. Ich entschied mich für einen Dauerlutscher. Ihr wisst schon, diese riesigen Zuckerdinger am Holzstäbchen, die in bunten Spiralen geschwungen waren. Das ist mein Wendebild, das sich in mein Gedächtnis eingeprägt hat.

 

Ansonsten war alles wie gehabt. Alles ging seinen Weg. Oder eben doch nicht. Im Sommer 1989 bin ich eingeschult worden und freute mich schon auf mein Pionier-Tuch. Meine großen Geschwister hatten bereits ein blaues und ein rotes, dass ich unter gar keinen Umständen in die Hände bekommen durfte. Deswegen wollte ich unbedingt ein eigenes haben. Was es hieß, Pionier der DDR zu sein, hatte ich nicht im Blick. Aus der heutigen Sicht weiß ich nicht, ob es mir so recht gefallen hätte. Allerdings hatte ich gar nicht mehr die Gelegenheit, ein Jungpionier zu werden. Ich glaube, es war gleich die erste Amtshandlung meiner Schule, die Fahnenappelle, das Halstuch und die Pioniere aus dem Schulalltag zu streichen. Meine Geschwister überließen mir nach einer Weile auch ganz freiwillig die vorher heiß umkämpften Tücher.

 

Für meine Familie hat sich einiges verändert. Meine Mama musste sich bald eine neue Beschäftigung suchen, nach dem ihr alter Arbeitgeber im Zuge der Wende abgewickelt wurde. Meine Großeltern waren schon zu DDR-Zeiten Rentner, aber die Wende ging auch an Ihnen nicht spurlos vorbei. Wie bei vielen anderen der älteren Generation, die am Aufbau der DDR beteiligt waren und die an die Idee des Sozialismus geglaubt haben. Wir mussten unseren Garten aufgeben, weil sich ein Alteigentümer gemeldet hatte. Das war traurig, aber nicht zu ändern und natürlich auch rechtens. Die Erinnerungen an das Tipi-Indianer-Zelt, an Garten-Geburtstage und an das viele frische Obst und Gemüse bleiben.

 

So ist der 9. November kein Tag wie jeder andere und bestimmt meine eigene Biografie noch heute. Meine Erinnerung daran ist schemenhaft, aber die wenigen Bilder, die ich habe, sind dafür umso deutlicher. Meine Geschwister, meine Mama und meine Großeltern haben jeder für sich ihre eigenen Erinnerungen, die von einer spannenden Zeit berichten. Für mich öffneten sich durch den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung viele Türen, die zu DDR-Zeiten vielleicht immer noch verschlossen geblieben wären.

 

 

"Gut, dass die Mauer weg ist."

Für weitere Informationen zur Berliner Mauer, ihrem Fall und den vielen Schicksalen sei die "Chronik der Mauer" ans Herz gelegt. Darunter auch das Schicksal von Johannes Muschol (siehe Foto oben), eines der Maueropfer.