Fundstücke

Manchmal muss man weit ausholen, um auf den Kern einer Sache zu kommen. Das passiert mir mitunter sehr oft, da ich gern die ganze Geschichte erzählen möchte und nicht nur die Zusammenfassung. So auch jetzt. Um auf das Ende dieser Erzählung zu kommen, muss ich ein Stück zurück gehen. Meine Geschichte fängt da an, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Im Friedrichshain. Hier verbrachte ich eine behütete Kindheit, zu Ost- und Westzeiten. Mit der Zeit veränderten sich der Kiez und bekanntermaßen auch ganz Berlin. Für mich aber änderte sich unter anderem eines: Ich musste aufpassen, wohin ich meine Füße setzte! Es waren nicht die brüchigen Bordsteine und die halsbrecherischen Fußgängerüberwege. Nein es waren kleine, braune versteckte Hindernisse, die mir meine geliebten Turnschuhe verdreckten! Ich nennen es jetzt beim Namen: der gute alte Hundehaufen. Er machte mir das Leben schwer. Nicht nur in meinem Kiez rund um die Warschauer Straße. Auch auf dem Weg zur Schule, dann zum Studium, zum Training und später auf dem Weg zur Arbeit.

Um mir das Leben nicht schwer zu machen, meine Schuhe möglichst sauber zu halten und um mich nicht unnötig zu ärgern, lenkte ich meine Aufmerksamkeit immerzu auf den Fußboden. Das Trottoir Berlins war nun mein (nicht so) weiter Horizont. So konnte ich nun den ungeliebten Hundehaufen entgehen. Ganz nebenbei stellten sich schnell ein,  zwei Erkenntnisse ein: Zum einen konnte ich nun meine Umwelt oberhalb meiner Füße nicht mehr ganz so gut im Auge behalten, was zu lustigen oder weniger lustigen Anremplern führte. Zum anderen, und nun komme ich zum Kern der Geschichte, entdeckte ich eine kleine aber feine andere Welt. Abgesehen von den zermatschten Hundehaufen, dem Müll und dem Dreck, die eigentlich in den nächstgelegenen Mülleimer gehörten, machte ich erstaunliche Entdeckungen. Münzen! Ich fand sprichwörtlich das Geld auf der Straße! Naja, um mein Studium zu finanzieren reichte es hinten und vorne nicht aus. Aber ein, zwei Cents am Tag zu finden, mal zehn Cent oder auch mal  ´nen Euro, das ist schon eine schöne Sache. Die Freude über so einen Fund hielt lange an. Dann erinnerte ich mich an den Spruch, den mir mein Opa oft mit auf den Weg gegeben haben: Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert!


"Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert."


So erging es mit auch neulich, als ich im trüben Licht der Straßenlaternen nach Hause lief, mittlerweile im Prenzlauer Berg heimisch geworden. Die herbsliche Dämmerung hatte schon eingesetzt. Beim Überqueren der Straße blitzte und blinkte etwas in meinen Augenwinkel. Ich freute mich schon auf meinen nächsten Glückscent im Portemonnaie. Doch zu früh gefreut. Was ich erblickte, waren die Überreste einer Kette oder eines Armbandes. Zwei kleine Sterne, einer rot, einer blau und eine kleine Brosche. Völlig verschmutzt und verdreckt, aber wunderhübsch anzusehen. Wer wohl diese kleine Kostbarkeit verloren hatte? Ich nahm die drei Sachen erst einmal mit nach Hause, reinigte sie erst und überlegte, was ich mit diesen kleinen Kostbarkeiten mache sollte?! Vielleicht bastele ich es einfach wieder zusammen, mache ein Foto und hänge einen Zettel in der Straße auf. Vielleicht findet sich ja jemand, der seine Sterne gerne wiederhaben möchte!

Diese Entdeckung ist schon zwei Jahre her. Bis heute hat sich noch kein Besitzer gefunden. Und nun liegen die Sterne in einem kleinen Becher mit all den anderen kleinen Fundstücken, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben. Münzen aus aller Herren Länder, Kastanien, Eicheln, Perlen und Nägel für die Wand. All das kann man finden, wenn man nur die Augen offen hält und durch den Kiez streift. Bei Wind und Wetter. Aber am liebsten bei Sonnenschein.