Irgendwo im Nirgendwo - ein Ausflug aufs schwedische Land

Wie bereits im letzten Blogeintrag angekündigt, habe ich über Silvester die Flucht ergriffen und bin nach Schweden geflohen. Aber nicht ganz alleine. Mitten im Nirgendwo haben meine Reisegefährten und ich eine kleine einsame Hütte im Wald bezogen, um die Ruhe und Abgeschiedenheit der schwedischen Wälder zu genießen. Ohne digitale Vernetzung, besonderen Luxus und fernab der Schnelligkeit des quirligen Berlins.

 

Die Idee, nach Schweden zu fahren und dort in aller Abgeschiedenheit Silvester zu feiern, kam im November auf. So wie das immer ist, kannte unsere Reisebegleitung jemanden, der ein Sommerhaus in der schwedischen Weite besitzt, und dass im Winter immer frei ist. Bis Mitte Dezember mussten noch Urlaube abgesprochen werden, dann stand es fest: Wir würden das neue Jahr in Schweden begrüßen, in einer Hütte, abgeschieden mitten im Wald, vielleicht mit ein paar Elchen. Eine Hütte mit Strom, dafür aber ohne fließendes Wasser, digitales Netz und nur mit einer Außentoilette ausgerüstet. Das riecht nach Abenteuer und ein paar Tagen Entspannung ohne viel Brimbamborium.

 

Quasi zurück zu Mutter Natur!

Eiskristalle überall
Eiskristalle überall
schwedische Winterwunderlandschaft
schwedische Winterwunderlandschaft

 

Montag vor Silvester war Abfahrt. Zu viert im vollgepackten Auto ging die wilde Fahrt los, vorbei an der Winterwunderlandschaft, die in Berlin und Umland Einzug gehalten hatte. Leider verhieß die Wetterprognose wieder wärmeres Wetter, so dass wir vom Schnee wohl nicht sehr lange etwas haben würden. Die Überfahrt von Rostock nach Trelleborg war seicht und ohne besondere Vorkommnisse, entgegen aller Horrorszenarien einiger besorgter Familienmitglieder. Nach der Fähre folgte noch die vierstündige Autofahrt, bis wir unser Ziel im schwedischen Nirgendwo erreichten. Nahe der schwedischen Kommune Högsby in der schwedischen Provinz Kalmar Iän mit nur etwa 2000 Einwohner lag unser zu Hause für die nächsten fünf Nächte. Ein typisch schwedisches Häuschen inmitten eines dichten Waldes voller Birken, Tannen, sumpfartiger Abschnitte und reichlich Flüssen und Seen.

 

die einsame Straße zu unserem schwedischen Häuschen
die einsame Straße zu unserem schwedischen Häuschen

 

Bei unserer Ankunft erinnert uns das Haus an eine Tiefkühltruhe. Während draußen die Temperaturen so um die minus ein Grad lagen, waren es in der Hütte mindestens gefühlte minus zehn Grad. Aber einen erfahrenen Camper stört so etwas nicht. Ab ins Haus, Strom angestellt, Heizungen hoch geschraubt, Wasser aus dem Brunnen geholt, um es auf dem Herd warm zu machen, Besen geschwungen und ausgekehrt und im Handumdrehen war alles wieder sauber und wohnlich gemütlich. Die Wärme kam so nach und nach in alle Nischen des Hauses. Nur der traditionelle Ofen in der Küche, der noch mit Holz betrieben wird und auf dem man noch Kochen kann, wollte einfach nicht funktionieren. Trotz Manneskraft, Ingenieurs-Fachwissen und sonstigen Hausmitteln bekamen wir den Ofen nur zum Rauchen. Unsere Klamotten und die Küche rochen noch tagelang nach Lagerfeuer.

 

Am Ende des Tages stellte ich bereits fest, dass ich trotz anstrengender Anreise, Putzen und Frieren schon angekommen und entspannt war. Mein Kopf war nicht mehr so voll mit Grübeleien. Wir waren in Schweden. Hatten keine direkte Verbindung zur Außenwelt, keinen Fernseher, kein Internet. Das hieß gleichzeitig, ich kann den Kopf für eine kleine Weile ausschalten und neue Energie sammeln.

 

 

Unsere Tage in Schweden hatten in etwa alle den gleichen Verlauf: Morgens lecker und ausführlich frühstücken, einen Waldspaziergang oder einen Ausflug in die nähere Umgebung machen, Heimkehren, Teechen trinken, Abendbrot zubereiten, futtern, in geselliger Runde Gesellschaftsspiele ausprobieren und Nachts todmüde von der vielen frischen Luft ins Bett fallen. Zum Thema nähere Umgebung: in Schweden ist irgendwie alles ein bisschen weiter weg. Jedenfalls ist der Späti nicht um die Ecke und der nächste Supermarkt auch erst eine Viertelstunde entfernt. Also muss vorher gut überlegt werden, was die nächsten Tage gegessen und gebraucht wird. Und bei uns an der Straße fuhr nur alle gefühlte drei Stunden ein Auto lang.

 

Schwedische Einsamkeit pur!

 

Bei all unseren Spaziergängen durch die schwedische Winterlandschaft hing die Kamera natürlich startbereit um den Hals, da wir Hoffnung auf Elche oder andere Tiere hatten. Obwohl die schwedischen Nationaltiere eher von der scheuen Art sind und wir nicht gerade leise durch das Unterholz wanderten. Bei unserer Ankunft lag noch eine dünne Schneedecke auf dem Boden und den kleineren Bäumchen. Aber hoch oben an den Baumwipfeln war der Schnee bereits geschmolzen. Unentwegt begleitet uns ein leises Plätschern vom tauenden Schnee beim Wandern durch die schwedische Taiga. Wir waren ganz verzückt von der Ruhe, der sauberen Luft und der friedlichen Atmosphäre, die der Wald verströmt. Ein zugefrorener See bot eine kleine Rutschbahn für die ganz Mutigen unter uns, die keine Angst vor dem Einbrechen ins kalte Wasser hatten. Wie es so bei allen Dingen ist, die schön sind, verging die Zeit jedes Mal wie im Flug. In Schweden ging die Sonne zu dieser Zeit noch ein bisschen früher unter, so dass wir oftmals im Schein der untergehenden Sonne nach Hause spazierten.

 

wenn die Sonne untergeht, kommt der Mond zum Vorschein
wenn die Sonne untergeht, kommt der Mond zum Vorschein
das schwedische Häuschen bei sternenklarer Nacht
das schwedische Häuschen bei sternenklarer Nacht

 

Die Silvesternacht haben wir ebenso ruhig verbracht wie die anderen Tage auch. Ohne Knaller. Dafür aber mit leckerem Essen, darunter auch ein schwedisches Gericht mit Hot-Dog und Krabbensalat darüber. Eine gute Stunde vor Neujahr wurde ein großes Feuer in der Feuerschale zur Abschreckung eventueller böser Geister des neuen Jahres entfacht. Schön anzusehen und sehr, sehr warm. Ein Gläschen Sekt zu Null Uhr und ein paar Knaller in der weiteren Umgebung gab es dann doch noch.

 

Happy New Year 2015
Happy New Year 2015

 

Highlight der Reise nach Schweden war neben dem bezaubernden Häuschen der Ausflug nach Öland. Öland ist die Königsinsel der Schweden - hier hat die schwedische Königsfamilie ihren Sommersitz. Tatsächlich verbringt sie hier einen Großteil des Sommers. Nur im Winter scheint Öland kein attraktives Reiseziel zu sein. Mich beschleicht das Gefühl, dass wir die einzigen Touristen auf der Insel waren, obwohl sehr schönes Wetter mit viel Sonnenschein vorherrschte. Auch von den Bewohnern sah man kaum etwas. Umso besser, so hatten wir die ganze Insel fast für uns alleine. Bis auf ein paar Büffel und etliche Vögel. Die Insel ist nämlich ein beliebter Brutplatz und Ausflugsziel von Ornithologen.

 

Wir hatten genau fünf Stunden Zeit, um Öland zu entdecken, bevor die Sonne untergehen würde. Nach eingehender Planungsphase - eine Viertelstunde auf den Plan geguckt - hatten wir uns für den Süden der Insel entschieden, auch wenn der Norden schöner sein soll, allerdings in den Sommermonaten. Im Süden gab es dann allerhand altertümliche Burgen und Befestigungsanlagen zu besichtigen und zu besteigen. Auf unserer Rundfahrt tauchten rechts und links der Straße immer wieder Felder von Hinkelsteinen und Runengräbern auf. Ein eindeutiger Beweis der Herrschaft der Wikinger. Überhaupt ist Öland wirklich ein Paradies für Hobbyarchäologen. Pünktlich zum Sonnenuntergang und zum Abschluss unseres Ausflugs erreichten wir dann die Burg Borgholm, den ehemaligen Sitz der königlichen schwedischen Familie. Die imposante Ruine beeindruckte durch ihre schiere Größe. Schade nur, dass sie genau zu unserem Besuch geschlossen war - wie auch alle anderen Museen und Besucherzentren auf unserer Route. Dennoch waren wir sehr zufrieden mit unserem Ausflug nach Öland. Die Fahrt hatte sich gelohnt. Und so wurden bereits während der Rückfahrt Pläne geschmiedet, bei einem zukünftigen Schweden-Trip, dann gerne im Sommer, mal wieder einen Abstecher auf Öland zu wagen.

 


Runengräberfeld bei Gettlinge
Runengräberfeld bei Gettlinge
die Fluchtburg Eketorp, die fast vollständig restauriert worden ist
die Fluchtburg Eketorp, die fast vollständig restauriert worden ist

 

Es ist schon verrückt. Am Ende der fast sechs Tage in Schweden ohne Internet und Handy stelle ich wie immer im Urlaub fest, dass es sehr erholsam ist, seine Zeit ohne die digitale Welt zu verbringen. In dieser Zeit fehlen mir die sozialen Netzwerke und Konsorten überhaupt gar nicht. Auch auf das Telefonieren, was ich wirklich zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zähle, kann ich gut und gerne verzichten. Aber dann, kaum hatten wir deutsche Gewässer unter dem Kiel und mein Handy hatte Empfang, blinkten die Leuchtdioden auf und holten mich zurück in die digitale Welt. Da bekam ich liebe Silvester-Grüße, die umgehend beantwortet wurden. Ebenso war ich schon gespannt, was sonst noch so in der Welt passiert war. Doch erst einmal galt es wieder in Berlin anzukommen. Home sweet Home. Ich habe mich auf meine Heimat gefreut, auch wenn ich Schweden und die Auszeit in der Wildnis vermissen werde. Die frische und saubere Luft, die Ruhe und die Gelassenheit. "Tack, Schweden!"

 

"Wo der Himmel weit ist, ist das Herz zu Hause" (Zitat N.K.)

 

Weitere Impressionen findet Ihr in der Galerie.