Stolpern - ausdrücklich erwünscht!

Stolpersteine auf der Greifswalder Straße
Stolpersteine auf der Greifswalder Straße

 

Am heutigen 27. Januar 2015 wird an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz in Polen und der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Dieses Jahr jährt sich die Befreiung durch die Rote Armee bereits zum 70. Mal. 1996 wurde der 27. Januar zu einem offiziellen Gedenktag in Deutschland erklärt und seit 2005 ist er auch der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten. Dieser internationale Gedenktag soll zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Zukunft anregen. Der Wahnsinn, der Rassismus und die Vernichtungen sollen nicht in Vergessenheit geraten und uns mahnen, achtsam mit der Menschenwürde und dem Andenken der Opfer umzugehen.

 

Doch gibt nicht nur der 27. Januar eines jeden Jahres Anlass dazu, all den Opfern des Nationalismus zu gedenken. Wer aufmerksam durch die Straßen Berlins oder anderer deutscher und europäischer Städte läuft, kann alltäglich über die Schicksale der Gedemütigten und Ermordeten stolpern. Die sogenannten Stolpersteine des Aktionskünstlers Gunter Demnig sorgen tagtäglich dafür, dass die Erinnerung an verbrecherische Zeiten nicht verblassen wird. So werden zum Beispiel am 30. Januar 2015 drei weitere Stolpersteine in Berlin verlegt. Die Komische Oper möchte mit der Verlegung von drei Messingplatten dreier ehemaliger Mitarbeiter gedenken, stellvertretend für alle MitarbeiterInnen des Metropol-Theaters, die Opfer des NS-Regimes wurden.

 


Ich stolpere sehr häufig, ja fast täglich über die kleinen, zehn mal zehn Zentimeter großen Platten auf dem Kopfsteinpflaster vor Häusereingängen, deren ehemalige Bewohner verhaftet, deportiert und ermordet worden sind. Dann senke ich meinen Blick, lese die Namen, die Geburtsdaten und welches Schicksal die Menschen erleiden mussten. So ist die Geschichte allgegenwärtig und immer präsent. Wenn ich mehr wissen möchte, was meistens der Fall ist, kann ich auf der Berliner Homepage der Stolpersteine meinen Wissensdurst löschen.

 

Die Stolpersteine sind ein Kunstprojekt des Künstlers Gunter Demnig, der seit den 1990er Jahren mit unterschiedlichen Aktionen auf Opfer des Nationalsozialismus aufmerksam macht. Die Steine bestehen aus kleinen Gedenktafeln aus Messing, die mehrheitlich an Hauseingängen zu finden sind und den Namen ehemaliger Bewohner tragen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert, ermordet oder in den Suizid getrieben worden sind. Darunter befinden sich nicht ausschließlich Menschen jüdischen Glaubens, sondern auch Homosexuelle, vermeintlich Kriminelle, Opfer der Euthanasie, Sinti und Roma sowie Widerstandskämpfer. Mittlerweile gibt es fast 50.000 Stolpersteine in deutschen und europäischen Städten. In Berlin wurden bereits mehr als 5000 der kleinen Messingplatten verlegt, um an ehemalige Bewohner zu erinnern. Wenn man sich vor Augen hält, dass 1933 ca. 160.000 Menschen jüdischen Glaubens[1] in Berlin lebten, wird klar, dass diese Steine nur ein kleiner Bruchteil des großen Ganzen sind.  

 

Stolpersteine in der Winsstraße
Stolpersteine in der Winsstraße

 

Kritik an den Stolpersteinen - Contra

 

Doch das Projekt stößt immer mehr auf Kritik. Angehörige der Opfer beklagten sich über die Beschriftung der Steine und über Lücken oder falsche Angaben auf den Steinen. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, lehnt die Stolpersteine vehement ab und ist gegen die Verlegung der Gedenktäfelchen, denn so würden die Opfer des Nationalsozialismus ein weiteres Mal mit Füßen getreten. So finden sich bis heute in München nur Stolpersteine, die auf privatem Grund verlegt wurden. In der Landeshauptstadt Bayerns sowie in anderen Städten wird weiterhin heftig über die Gedenktafeln im Boden debattiert. Es werden auch Vorwürfe der Geldmacherei und des übertriebenen Gedenkkults laut. Trotz aller Kritik, darunter auch berechtigte, wenn es darum geht, dass die noch lebenden Angehörigen nicht informiert werden, ist es dennoch ein Kunstprojekt. Und über Kunst lässt sich bekanntermaßen sehr gut streiten! Oder eben nicht!

 

Befürworter der Stolpersteine - Pro

 

Aber es gibt auch viele Fürsprecher der Stolpersteine. Nicht nur die zahlreichen Paten der Gedenktäfelchen, Politiker und Kulturschaffende, sondern auch jüdische Bürgerinnen und Bürger. In München zum Beispiel, wo derzeit weiter debattiert wird, steht die liberale jüdische Gemeinde für die Verlegung der Stolpersteine ein, als eine Form der individuellen Form der Erinnerung an die Schicksale der Opfer. Die verantwortlichen Koordinatoren in den jeweiligen Städten geben ihr Bestes, um die Biografie sorgfältig zu recherchieren. Sie bedienen sich zahlreicher Archive und Quellen, wie sie zum Beispiel auf der Homepage der Koordinierungsstelle Stolpersteine in Berlin gut nachvollziehbar ist. Häufig sind die Biografien lückenhaft, da die Initiative zu Stolpersteinlegung oftmals nicht von Seiten der Angehörigen kommt, sondern von Seiten interessierter und engagierter BürgerInnen. Informationen über die Verstorbenen finden sich daher nur in bürokratischer Form von Akten und Belegen.

 

Auch der Grundgedanke der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus sollte im Vordergrund stehen, nicht die vielen individuellen Interpretationsmöglichkeiten. Das Projekt, ist wohl nicht auf Geldmache aus, denn für die Recherche, das Material, die Anfahrten, die Verlegung und die damit verbundene Zeit sind 120 Euro wohl kaum ein überteuerter Preis. Überdies werden viele Mitarbeiter der koordinierenden Stellen über Fördergelder von anderen Stellen finanziert.

 


Streitthema Beschriftung

 

Bei der Beschriftung allerdings kann man wirklich streiten. Demnig nutzt dazu die formale Sprache der NS-Gerichtsakten und setzt diese in Anführungszeichen. Jedenfalls bei Steinen für sogenannte "Kriminelle" oder "Wehrkraftzersetzer". Darüber wird gestritten, denn Angehörigen empfinden dies als ehr- und würdelos. Zumal dieser NS-Jargon von der eigentlich Wahrheit weit entfernt ist, wenn zum Beispiel Beziehungen von jüdischen und nichtjüdischen Partnern als "Rassenschande" bezeichnet wurden. Auch Zeugen Jehovas wurden zum Tode verurteilt, da sie aus religiösen Gründen den Kriegsdienst verweigerten und so angeblich die Wehrkraft zersetzten. So bleibt ein bitterer Beigeschmack bei der Beschriftung der Stolpersteine, wenn diese mit der NS-Terminologie graviert sind. Allerdings können wir über die Sprache der nationalsozialistischen Justiz, die jeder Menschlichkeit entbehrte, nicht hinwegsehen und sollten diese auch als Anreiz zum Nachdenken nutzen. Vielleicht wäre es ein guter Kompromiss, auf der offiziellen Homepage eine Erläuterung der NS-Tätersprache einzuführen, um für Aufklärung zu sorgen.

 

Bei meiner Recherche zu diesem Blogeintrag habe ich viel gelesen, Pro und Contra, Für und Wider. Trotz aller klaren Argumente gegen die Gedenktäfelchen überwiegen für mich die Argumente für die Stolpersteine. Vielleicht, weil ich keiner unmittelbaren Religion angehöre, weil mich die Schicksale hinter dem ehemaligen Bewohnern interessieren und weil es gut ist, dass in meiner Heimatstadt die Orte markiert werden, an denen Opfer des Nationalsozialismus gelebt haben. Ich kenne kaum einen, der die Messingtafeln ignoriert. Viele bleiben stehen, bücken sich, um einen genaueren Blick zu erhaschen und nehmen sich Zeit, um die eingravierten Daten zu lesen. Stolpersteine sind so ein kleiner aber wirksamer Beitrag, damit eines der größten Verbrechen der Menschenheitsgeschichte nicht in Vergessenheit gerät. Und sie sorgen gleichzeitig dafür, sich auch der gegenwärtigen Verbrechen und Unmenschlichkeiten zu stellen.


Stolperstein auf der Bötzowstraße
Stolperstein auf der Bötzowstraße

 

Wie man über die Stolpersteine streiten kann, kann man auch über andere Denkmäler streiten, wie zum Beispiel über das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, welches in vielen Augen erstens einen eigenwilligen, nicht unbedingt historischen Standort besitzt und zweitens eine eigenwillige Form der Auseinandersetzung darstellt. Aber auch da darf diskutiert werden!

 

Die Stolpersteine sind mittlerweile weitgehend in der Welt bekannt - viele Kinder und Jugendliche engagieren sich für dieses Projekt. So lernen sie einen Teil ihrer Vergangenheit kennen, können in Archiven über die Opfer und Täter forschen und recherchieren. Wir sollten bei all der angebrachten und nicht angebrachten Kritik nicht vergessen, dass es gerade ein kurzzeitiges Stolpern ist, was uns innehalten lässt, um über Krieg, Rassenwahn und Menschenwürde nachzudenken, damit diese Themen eben nicht aus der Erinnerung verschwinden.

 

 

Stolpern für das tagtägliche Erinnern - nicht nur einmal im Jahr!

 

 


Quellen und weitere lesenswerte Artikel:


Stolpersteine in Berlin

Stolpersteine

Bundeszentrale für politische Bildung

Susann Lenz, Ein Lebenswerk auf Berliner Straßen, Berliner Zeitung, 14.05.2014. die Autorin interviewt den Künstler Gunter Demnig.

Martin Bernstein, "Nichts aufwühlen, nicht stören", Süddeutsche Zeitung, 05.12.2014. Der Autor schreibt über die Gefühlslage eines Betroffenen.

Unbekannter Autor, Gegen Stolpersteine! Solidarität mit der Israelitischen Kulturgemeinde, 14.10.2014. Dieser Blogeintrag argumentiert sehr scharf gegen die Stolpersteine in München.

 


[1] Adler-Rudel, Salomon, Ostjuden in Deutschland 1880-1940, Tübingen 1959, S. 164; Schütz, Chana C., Die Kaiserzeit (1871-1918), S. 96 in: Nachama, Andreas, Schoeps, Julius H., Simon, Hermann, Juden in Berlin , 2, aktualisierte Ausgabe, Berlin 2002