Oranienstraße - typisch Berlin?

am U-Bahnhof Kottbusser Tor
am U-Bahnhof Kottbusser Tor

 

Vor ein paar Wochen führte mich ein Cafe-Klatsch-Treffen nach Kreuzberg. Bei diesem kurzen Spaziergang begleitete mich die Sonne mit ihren ersten wärmenden Strahlen und bot feinstes Fotowetter. Vom U-Bahnhof Kottbusser Tor ging es die Adalbertstraße hinauf und schon landete ich auf der Oranienstraße, einer der hippsten Straßen Berlins. Oder eben nicht. Ein Artikel über Berlin-Besucher hat mich letztens nachdenklich gemacht. Er befasste sich mit jungen, erfolgreichen Menschen, die in Berlin auf Zeit leben und arbeiten und dabei das "wirkliche Berlin" kennen lernen wollen. Kurz um, der Beitrag warf die Frage auf, was denn das wirkliche Berliner Leben eigentlich ist?

 

Frühling kommt in die Stadt
Frühling kommt in die Stadt
kleine Jogi-Männchen zaubern ein Lächeln auf jedes Gesicht
kleine Jogi-Männchen zaubern ein Lächeln auf jedes Gesicht

Street-Art vom Feinsten in der Oranienstraße
Street-Art vom Feinsten in der Oranienstraße

 

Findet das viel gelobte Berliner Leben in der Oranienstraße statt? Laut diverser Medienberichte und Reiseführern kann man hier alles erleben, was man von Deutschlands Hauptstadt erwartet: Man kann in angesagten Cafés frühstücken gehen, in der Mittagspause isst man Maultaschen, vegetarisch oder mit Fleischfüllung und am Abend trifft man sich gemütlich in den Restaurants zu Autorenlesungen mit Stars und Sternchen aus der Berliner Literatur- und Filmszene. Nachts zieht man durch die Bars und Clubs und feiert wilde Partys. Alles ist möglich, hier und anderswo in Berlin. Aber ist das das wirkliche Berliner Leben? Ist es nicht eher ein Abbild von dem, was viele sich als angesagten Berlin-Trend vorstellen.


Gut zu wissen, woher die Oranienstraße ihren Namen hat!
Gut zu wissen, woher die Oranienstraße ihren Namen hat!
typisches Bild von Kreuzberg am Tage
typisches Bild von Kreuzberg am Tage


Ist es nicht viel eher so, dass die Zugezogenen und Berlin-Besucher unter sich bleiben? In den Kreativ-Werkstätten der Start-Ups auf den Hinterhöfen der Oranienstraße, in den Hostels und in den angesagten Bars und Cafes. Sie kommen aus allen Ecken der Welt und bringen viel Kreativität mit. Doch lassen sich diese jungen kreativen Köpfe wirklich auf ein Gespräch mit dem türkischen Jugendlichen um die Ecke ein, der leidenschaftlicher Fußball-Fan ist und sonst noch nicht weiß, wo sein Platz in der Gesellschaft ist? Lässt sich die junge amerikanische Weltenbummlerin auf die Sorgen und Nöten einer jungen Mutter ein, die Hartz IV bezieht, ihre Kinder versorgen muss und darum kämpft, die Wohnung in ihrem Kiez an der Oranienstraße zu behalten? Ich glaube nicht! Das gehört nicht zum Berlin-Weltbild. Jung. Dynamisch. Kreativ. Immer stylisch angezogen. Immer Geld für Chai Latte, gutes Essen und Partys in angesagten Clubs. Immer dem neuesten Trend hinterher und manchmal auch entgegen.

 

die Oranienstraße
die Oranienstraße

 

Allerdings lassen sich Berliner auch nicht gerne ins Privatleben schauen. Sie bleiben gerne unter sich und machen ihr eigenes Ding. Da bin ich keine Ausnahme. Aber wer seinen Kiez liebt, egal ob gebürtiger Anwohner oder Zugezogener,  und ihn so erhalten wissen möchte, der muss sich mit allen Bewohnern auseinandersetzen. Das Quartiersmanagement Zentrum Kreuzberg ist da ein sehr gutes Beispiel. Es ist eine Anlaufstelle für alle Anwohner rund um die Oranienstraße und bietet viele Projekte und Initiativen, die den Austausch, den Dialog und die Teilhabe aller Bewohner fördern. Hier treffen die unterschiedlichen kulturellen und sozialen Lebenswelten aufeinander und wer will, kann hier wirklich in einen Dialog treten und erfahren, wie das wirkliche Leben einer Berliner Familie in Kreuzberg so aussieht.

 


Ich bin nur ab und zu in Kreuzberg und in der Oranienstraße, bin quasi auch nur ein Tourist. Aber ich mag das Eckige und Kantige in diesem Kiez, das Unaufgeräumte und die vielen bunten Graffities. Hier gibt es sie noch, die unkonventionellen Nischen und kleinen Macken. Nicht umsonst findet man hier einen Schmelztigel der Kulturen, Nationen und sozialen Schichten. Hier ist alles ein bißchen bunter, zerschlissener, verruchter! Graffities, Street Art und Klebezettel bestimmen das Bild an Häuserwänden und Fassaden. Hier findet man gerade nicht die Schickeria von Mitte und das Aufgeräumte vom Prenzlauer Berg.

 

Es ist wünschenswert, dass dieser Kiez erhalten bleibt und sich nicht in ein einheitliches Berlin-Bild einreiht. Vielleicht schaffen wir es auch, dass Berliner und Berlin-Besucher, die für längere Zeit hier bleiben, ihren Horizont erweitern und miteinander ins Gespräch kommen. Spätestens beim nächsten "MyFest" rund um den Tag der Arbeit am 1. Mai haben wir wieder die Gelegenheit, aufeinander zuzugehen! Das seit 2003 stattfindene Straßenfest rund um die Oranienstraße bietet neben kulinarischen und kulturellen Angeboten auch viel Platz für Gespräche. Da können wir die gegenseitigen Vorbehalte zu Hause lassen, plaudern und feiern. Und vielleicht gelingt es uns dann auch, das Bild vom Berliner Leben wieder ins rechte Licht zu rücken und weniger glorifiziert darzustellen, so wie es immer wieder in den Hochglanzprospekten und Reiseführern erscheint.