Der Große Tiergarten

 

Berlin hat bekanntermaßen viele Zufluchtsorte, an denen man für einen Augenblick innehalten, den Großstadtlärm kurz vergessen und so wieder frei atmen kann. Der Große Tiergarten gehört zu einem dieser Plätze. Diese Woche habe ich mich aufgemacht, um mich nach langer Zeit mal wieder im ältesten Park und wohl bekanntesten Rückzugsort Berlins umzusehen.

 

lange Baumalleen durchziehen den Tiergarten
lange Baumalleen durchziehen den Tiergarten

 

Wenn ich mich nach Erholung sehnte, waren der F-Hain, der Treptower Park oder der Zeltplatz in Brandenburg bisher meine erste Wahl. Der Große Tiergarten kam mir nicht in den Sinn. Den hatte ich bis vor Kurzem immer als touristisches Ziel, als Weg zur Uni und vor allem als quälende Laufstrecke zur Saisonvorbereitung (Grundlagenausdauer im Basketball war schwer angesagt) in Erinnerung. Doch so langsam ändert sich meine Meinung.

 

Goethe hat auch seinen Platz im Großen Tiergarten
Goethe hat auch seinen Platz im Großen Tiergarten
immer wieder begegnet man der Goldelse
immer wieder begegnet man der Goldelse

 

Der Tiergarten wird oft als die „grüne Lunge Berlins“ schlechthin bezeichnet. Allerdings ist der Große Tiergarten mit 210 Hektar nicht die größte Parkanlage in Berlin. Das Tempelhofer Feld hat sich mit 355 Hektar mittlerweile davor geschummelt. Nichtsdestotrotz sieht der Tiergarten aus der Vogelperspektive sehr beeindruckend aus, zum Beispiel wenn man von der mittleren Plattform des Fernsehturms aus gen Westen schaut. Der Park erstreckt sich vom Brandenburger Tor bis hin zum S-Bahnhof Tiergarten, umrandet vom Potsdamer Platz und der John-Foster-Dulles-Allee sowie dem Regierungs- und Botschaftsviertel. In der Mitte der Anlage erhebt sich die Siegessäule am großen Stern, davon ab gehen die großen, breiten Ausfallstraßen, die den Verkehr in alle Richtungen Berlins lenken.

 

Das Schloss Bellevue - Guten Tag Herr Bundespräsident!
Das Schloss Bellevue - Guten Tag Herr Bundespräsident!

 

An einem normalen Tag erlebt man hier Jogger, Auto- und Fahrradfahrer, Touristen, Velotaxis, Reisebusse, Studenten, Obdachlose, Verliebte, Sport- und Theatergruppen, Musiker, Akrobaten und viele andere Lebenskünstler, die mehr oder weniger friedlich miteinander auskommen. An nicht normalen Tagen sind ganze Areale der Parkanlage und die großen Zufahrtsstraßen für Veranstaltungen aller Art gesperrt. Man erinnere sich nur an die Loveparade, die hier gastierte, als der Kurfürstendamm zu klein für DJ Dr. Motte und Co. wurde. Heute blockieren die Berlin Fashion Week, die große Silvester-Party, das Fest zum Tag der Deutschen Einheit, der DKB-Lauf, die Feier zu Fußball-Weltmeistermeisterschaft der deutschen Nationalelf und gerade aktuell die Feierlichkeiten zum Champions League Finale den Tiergarten rund um das Brandenburger Tor und die Straße des 17. Juni. Manche Autofahrer haben das Gefühl, dass der Tiergarten eher gesperrt als geöffnet ist. Zum Glück bin ich fast immer mit Fahrrad unterwegs, da stören die Sperrungen größtenteils nicht.

 

Velotaxi im Leoparden-Look
Velotaxi im Leoparden-Look
Sowjetisches Ehrenmal im Tiergarten
Sowjetisches Ehrenmal im Tiergarten

 

Wer glaubt, dass es früher behaglicher im Großen Tiergarten zu ging, der irrt, denn hier war schon immer viel los. 1527 wurde der Park als Jagdrevier der großen preußischen Fürsten angelegt, inklusive ausgesetzter Wildtiere. Friedrich II. nahm sich ein Herz, denn er war der Jagd überdrüssig, ließ die Zäune 1742 einreißen und das Areal zum Volkspark für die Berliner anlegen. Bis dahin war der Große Tiergarten allerdings auch schon gehörig gewachsen. Viele Gärtner versuchten der Anlage ihren Stempel aufzudrücken. Am erfolgreichsten aber war Peter Joseph Lenné. Der Landschaftsgestalter und Stadtplaner prägt noch heute das Gesicht Berlins, hinterließ in  vielen Berliner Grünanlagen und im Innenstadtbereich seinen gestalterischen Fingerabdruck. Im Berliner Volksmund hieß er auch der „Buddelpeter“, denn unter seine Leitung wurde unter anderem der Landwehrkanal zum Schifffahrtsweg ausgebaut. Zwischen 1833 bis 1840 formte er weite Teile des Großen Tiergartens, darunter auch den Englischen Garten.

 

der Rosengarten von Peter Lenné
der Rosengarten von Peter Lenné
der Rosenpavilon
der Rosenpavilon

Insel voller Blumen inmitten des Waldes
Insel voller Blumen inmitten des Waldes
Statuen ohne Ende
Statuen ohne Ende

 

Die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges veränderten das Bild des Großen Tiergartens gravierend. Die Kämpfe rund um das Brandenburger Tor hinterließen ebenso ihre Spuren wie der Kahlschlag des Parks, der im Winter 1945/46 folgte. Als Berliner Kind habe ich noch die Erzählungen meiner Großeltern im Ohr, wie sie über die Zeit berichten, in der die Berliner Bevölkerung die letzten Bäume als Brennholz nutzten und auf den freien Flächen Kartoffeln und Gemüse anbauten. Mit Baumspenden aus vielen deutschen Städten gelang es ab 1949 den Park wieder aufzuforsten. Nach dem Bau der Mauer war der Große Tiergarten ein beliebtes Ausflugsziel für die Westberliner Bevölkerung, die es sich im Schleusenkrug und im Café am Neuen See gut gehen ließen. Beide Lokalitäten sind an sommerlichen Tagen beliebte Treffpunkte für Jung und Alt, für Verliebte und Geschäftsmänner, hoffnungslos überfüllt - wer eine Bratwurst bestellt, sollte sich auf eine längere Wartezeit einstellen.

 

Bundesarchiv, Bild 183-M1015-316 / Donath, Otto / CC-BY-SA [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Bundesarchiv, Bild 183-M1015-316 / Donath, Otto / CC-BY-SA [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
auf dem Weg zum Schleusenkurg
auf dem Weg zum Schleusenkurg

 

Der Große Tiergarten ist seit 1991 als eingetragenes Gartendenkmal geschützt. Zum einen wegen seiner historischen Vergangenheit und zum anderen wegen seiner vielen Denkmäler sowie Sehenswürdigkeiten. Gerade deswegen lohnt sich ein Besuch auch für alteingesessene Berliner. Zu sehen gibt es unter anderem den Rosengarten, den Englischen Garten, zahlreiche Brücken, das Denkmal für die ermordeten Arbeiterführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, das Sowjetische Ehrenmal, Bismark, Goethe und viele weitere große und kleine Statuen. Reihenweise Wasserspiele,  Springbrunnen, grüne Wiesen und mehr oder weniger bequeme Parkbänke laden zum Verweilen und Sonnenbaden ein.

 

Gedenktafel für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht
Gedenktafel für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht
Manhmal für Karl Liebknecht
Manhmal für Karl Liebknecht

die Goldelse
die Goldelse

 

Die Siegessäule als zentraler Mittelpunkt des Großen Tiergartens hat zum Beispiel eine ebenfalls turbulente Vergangenheit hinter sich und wurde im Laufe ihres Lebens vom Königsplatz vor dem Reichstag - heute Platz der Republik - durch den schnauzbärtigen Mann alias Hitler an ihren heutigen Standort versetzt. Nichtsdestotrotz hat man von der oberen Plattform einen herrlichen Ausblick. Nur schwindelfrei sollte man sein und keine Scheu vor engen Treppen haben.

 

Das Gaslaternen-Museum unter freiem Himmel
Das Gaslaternen-Museum unter freiem Himmel

 

Eine neue Entdeckung meinerseits bei diesem Spaziergang war die Gaslaternenausstellung zu Beginn des Parks am Eingang vom S-Bahnhof Tiergarten. 1978 wurde die als Freilichtmuseum konzipierte Schau eröffnet und zeigt 90 Straßenlaternen im Original oder nachgebaut aus Deutschland und anderen europäischen Städten.

 

der Große Tiergarten hält für alle ein Plätzchen bereit
der Große Tiergarten hält für alle ein Plätzchen bereit
Tannen, Laubbäume und Rhododendren verteilen sich auf 210 Hektar
Tannen, Laubbäume und Rhododendren verteilen sich auf 210 Hektar

 

Im Großen Tiergarten herrscht nicht nur eitel Sonnenschein. Anfang Mai stand der Park mal wieder in den Schlagzeilen der Berliner Presse, weil immer mehr obdach- und heimatlose Menschen den Tiergarten nutzen, um zu übernachten und um sich provisorische Behausungen zu bauen. Zwischen den Studenten, Touristen und verliebten Pärchen sitzen junge Leute, die ihr Glück in Berlin suchten, aber nicht gefunden haben und nun von der Hand in den Mund leben. Oder aber ältere Menschen, deren Leben irgendwann eine falsche Abzweigung genommen hat. Man kann so einige gescheiterte Existenzen im Großen Tiergarten antreffen - gleich neben all den Berlinern und Besuchern, die mehr Glück im Leben hatten.

 

Boot fahren steht hier hoch im Kurs
Boot fahren steht hier hoch im Kurs
darf es auch ein bißchen mehr Graffiti sein?
darf es auch ein bißchen mehr Graffiti sein?
Liebesbeweise en masse
Liebesbeweise en masse

 

Am Ende meines Ausflugs komme ich zu dem Schluss, dass man ruhig öfters mal im Großen Tiergarten spazieren gehen kann. Es gibt viel zu sehen, viele kleine verschlungene Pfade führen durch sehr viel frisches Grün. Man begegnet nicht nur Touristen, sondern auch viele Berliner lassen es sich hier bei der untergehenden Sonne gut gehen, nebst einem Feierabendbierchen. Und am Ende des Tages kann man sogar kleine Häschen beobachten. Dann sagen sich hier nämlich Fuchs und Hase gute Nacht!

 

Feierabendbierchen am Landwehrkanal
Feierabendbierchen am Landwehrkanal


Quellen und weitere Infos rund um den Großen Tiergarten:

Webseite der Berliner Stadtentwicklung

Webseite der Stadt Berlin

eine kleine Geschichte über den Landschaftsgestalter und Stadtplaner Peter Lenné von Hein Ohff