Letzte Sommertage auf der Karl-Marx-Allee

Die letzten sonnigen und warmen Septembertage habe ich mir für einen Spaziergang zurück in meine Vergangenheit aufgehoben. Das muss auch einmal sein, man kann ja nicht immer nur wie verrückt arbeiten und sich Sorgen um die Zukunft machen. Man braucht auch mal ein bisschen Entspannung.

 

Mein Ziel ist die Karl-Marx-Allee, einst der größte Prachtboulevard des Ostens und jetzt Verbindung zwischen Mitte und Lichtenberg. Rund um die 2,3 km lange Allee - davor, dahinter und mittendrin - habe ich viel Zeit in meiner Kindheit und Jugend verbracht. Auch heute noch kreuzen sich regelmäßig unsere Wege. Neulich erst auf dem Weg zur Basketball-EM, die leider für das Team aus Deutschland ein jähes Ende nahm. Aber das ist eine andere Geschichte…

 

der Springbrunnen am Strausberger Platz
der Springbrunnen am Strausberger Platz
der Fernsehturm passt immer auf ein Foto, egal wo man steht!
der Fernsehturm passt immer auf ein Foto, egal wo man steht!

Blick vom Strausberger Platz gen Osten...
Blick vom Strausberger Platz gen Osten...

Beim Spazierengehen, Recherchieren und Schreiben zu diesem Blogeintrag habe ich eine Menge über meinen alten Bezirk gelernt, was ich so vielleicht noch nicht wusste. Natürlich will ich euch auch daran teilhaben lassen. Auf geht es zur kleinen Zeitreise.

 

Viele Namen, eine Straße

 

Namensgeber der Allee ist der Gesellschaftskritiker und Ökonom Karl Marx, der zusammen mit Friedrich Engels die entscheidenden theoretischen Grundlagen des Kommunismus und Sozialismus legte. Man munkelt, dass meine Mama den Namen von Frau Marx (Jenny) so toll fand, dass sie ihn gleich mir verpasste. Find ick schön! Doch ursprünglich hieß die Allee Große Frankfurter Straße und hörte nicht am Alexanderplatz auf, sondern kurz davor in Höhe Schillingstraße. Mit dem Bau der U5, damals U-Bahnlinie E, wurde der Straßenverlauf angepasst und verlängert. Anlässlich des 70. Geburtstages des Machthabers und Despoten Josef Stalin benannte man im Dezember 1949 die Straße samt Frankfurter Allee in Stalinallee um. Im Zuge der Reformen nach dem Tode Stalins erhielt die Allee am 13. November 1961 ihren heutigen Namen und die Frankfurter Allee erhielt ihre alte Bezeichnung zurück.


die Türme können für Veranstaltungen gemietet werden, besonders beliebt sind Hochzeiten!
die Türme können für Veranstaltungen gemietet werden, besonders beliebt sind Hochzeiten!
manchmal lebt die Karl-Marx-Allee auch nach ihrer eigenen Zeit
manchmal lebt die Karl-Marx-Allee auch nach ihrer eigenen Zeit

Ein bunter Architektur-Mix

 

Diverse Stile und architektonische Einflüsse sind in den Bauten auf der Karl-Marx-Allee vereint worden. Da wäre zum einen der sozialistische Klassizismus, auch als Zuckerbäckerstil bekannt, der seinen Ursprung in Moskau, Warschau und anderen sowjetisch beeinflussten Ländern hat. Der für die Planung mitverantwortliche Architekt Hermann Henselmann prägte vor allem die Türme am Frankfurter Tor und das Ensemble rund um den Strausberger Platz. Aber auch klassische Elemente von Karl-Friedrich-Schinkel lassen sich als dekorative Bestandteile überall an den Häusern zwischen Proskauer Straße und Strausberger Platz finden. Zu DDR-Zeiten befand sich hier übrigens ein riesiges Kaufhaus für Kinderspielzeug. Ein wahres Paradies für Kinder. Ich glaube mich daran erinnern zu können, dass ich mir hier eine Plüschrobbe aussuchen durfte. Die liegt aber mittlerweile fein säuberlich eingepackt in einem Beutel mit anderen Lieblingssachen unter dem Bett.


das Café Sibylle, einst die Milchtrinkhalle,  lädt zu Kaffee und Kuchen ein
das Café Sibylle, einst die Milchtrinkhalle, lädt zu Kaffee und Kuchen ein

Wer den Spaziergang über den rund 2,3 Kilometer langen Boulevard rauf und runter wagt, der kann vom Alexanderplatz bis zum Frankfurter Tor auf diversen Übersichtstafeln viel Wissenswertes über die Karl-Marx-Allee lesen. Auch das Café Sibylle, früher unter dem Namen Milchtrinkhalle bekannt, hält eine kleine Ausstellung, einige Devotionalien sowie Kaffee und Kuchen bereit. Hier erfährt man unter anderem auch, dass die Entstehung der heutigen Karl-Marx-Allee in drei Bauphasen eingeteilt wird und welchen ideologischen Wert dieses Prestigeobjekt nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. zur Zeit des Kalten Krieges hatte.

 

die Laubenganghäuser sind die ersten fertiggestellten Bauten, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Großen Frankfurter Straße entstanden sind
die Laubenganghäuser sind die ersten fertiggestellten Bauten, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Großen Frankfurter Straße entstanden sind

Eine kleine Geschichte der Karl-Marx-Allee

 

In der ersten Bauphase entstanden die Laubenganghäuser, die dem Kollektivplan von Hans Scharoun entsprangen. Hierbei sollten einzelne Wohneinheiten mit viel Platz zueinander und vielen Grünanlagen entstehen. Rund um die Weberwiese wurde dieser Plan 1949/50 umgesetzt. Allerdings änderten sich schon bald die ideologischen Richtlinien in dem Maße wie der Personenkult um Stalin wuchs, sodass die Baupläne für die Laubenganghäuser als westlich dekadent eingestuft und eingestampft wurden.

 

das Kino Kosmos, ehemals Kinostätte und heute Eventlokation
das Kino Kosmos, ehemals Kinostätte und heute Eventlokation
von den Türmen vom Frankfurter Tor aus hat man einen herrlichen Blick über die Stadt
von den Türmen vom Frankfurter Tor aus hat man einen herrlichen Blick über die Stadt

Die zweite Bauphase zeichnete sich durch große, imposante Gebäude aus, die den Arbeiter-und-Bauern-Staat repräsentieren sollten. Mich haben die Ingenieure damit eingefangen, denn seit meiner frühesten Kindheit möchte ich in der Dachgeschosswohnung rechts neben dem Kino Kosmos wohnen. Ein Gerücht sagt, dass dort einmal ein Künstleratelier war oder vielleicht auch immer noch ist. Allerdings liegt dieser Traum in weiter Ferne in Ermangelung des nötigen Kleingeldes. Aber träumen darf man doch noch!

 

der Seiteneingang mit prunkvollen Säulen und meinem Faltrad!
der Seiteneingang mit prunkvollen Säulen und meinem Faltrad!
der Haupteingang des Hochhauses an der Weberwiese, unten rechts war der Fleischer
der Haupteingang des Hochhauses an der Weberwiese, unten rechts war der Fleischer

Als erstes Gebäude der zweiten Bauphase wurde das Hochhaus an der Weberwiese im Jahr 1951 fertig gestellt, das allerdings ein bißchen versteckt hinter der Karl-Marx-Allee liegt, umgeben von einem kleinen Park einschließlich Teich und Fontäne. Es war der Prototyp der Bauten der Allee: dekorative Elemente, Klassizismus, Historismus sowohl nach Sowjetischen Vorbild als auch nach Karl-Friedrich-Schinkel waren Ausdruck der Architektur des ersten Hochhauses im Berliner Osten. Federführend war auch hier der Architekt Hermann Henselmann. Früher war hier gleich um die Ecke mein Kindergarten, den ich geliebt habe und der heute noch existiert. Im Hochhaus selbst gab es einen Fleischer, bei dem ich etliche Male von meinen Großeltern eine Wiener auf die Hand bekommen habe und im Teich waren meine Geschwister und ich auf jeden Fall des Öfteren baden. Heute würden mich keine zehn Pferde mehr in das Wasser bekommen.

 

Beginn des Bauens; Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-16144-0006 / Krueger / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons
Beginn des Bauens; Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-16144-0006 / Krueger / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons
so sieht es heute aus, nach Beendigung der Sanierungsarbeiten
so sieht es heute aus, nach Beendigung der Sanierungsarbeiten

Das erste eigentlich fertigestellte Gebäude direkt auf der damaligen Stalinallee - ausgenommen die Laubenganghäuser - war die Deutsche Sporthalle samt Stalindenkmal, die aber aufgrund baulicher Mängel 1969 gesperrt und schließlich 1972 abgerissen wurde. Stattdessen stehen hier nun die guten, alten Plattenbauten. Das Stalindenkmal wurde übrigens schon 1961 in einer Nacht- und Nebel-Aktion abgerissen! Das Material ist eingeschmolzen und teilweise für die Tierstatuen im Tierpark verwendet worden. So erhielt der stählerne Stalin doch noch eine nützliche Funktion!

 

in einem unscheinbaren Durchgang zwischen Weberwiese und Frankfurter Tor findet man diese Relikte der Entstehungszeit
in einem unscheinbaren Durchgang zwischen Weberwiese und Frankfurter Tor findet man diese Relikte der Entstehungszeit
Otto Grotewohl war von 1949 bs 1964 Ministerpräsident der DDR
Otto Grotewohl war von 1949 bs 1964 Ministerpräsident der DDR

diese Nähmaschine mit Tischfunktion ist Teil einer feinen Weinhandlung, die im ehemaligen Briefmarkenladen ansässig ist
diese Nähmaschine mit Tischfunktion ist Teil einer feinen Weinhandlung, die im ehemaligen Briefmarkenladen ansässig ist

In der zeitlichen Reihenfolge darf der Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 nicht fehlen. Der Streik der Arbeiter richtete sich gegen die Erhöhung der ohnehin schon hohen Arbeitsnormen. Seinen Ausgang nahm der Streik am Rosengarten, am U-Bahnhof Weberwiese. Dort befindet sich heute ein Denkmal für den Volksaufstand, der fast das gesamte Gebiet der DDR erfasste und schlussendlich mit Hilfe des sowjetischen Militärs blutig niedergeschlagen wurde. In öffentlichen Darstellungen seitens des DDR-Führung konnte man lesen, dass sogenannte westliche Agenten und Rowdys die Arbeiter zum Aufstand aufwiegelten. Die eigentlichen Ursachen wie die wirtschaftliche, industrielle und gesellschaftliche Krise innerhalb des sozialistischen Systems wurden unterdessen totgeschwiegen.

 

Trotz Protest, trotz Krise und Niederschlagung gingen die Bauarbeiten weiter und die 2,3 Kilometer lange Stalinallee mit allen Zuckerbäckerstil-Bauten wurde Ende der 1950er Jahre fertig gestellt. Bis 1969 entstanden das Kino Kosmos, das Kino International und weitere Bauten, die eher im Charme der späten Sechziger glänzten als mit Klassizismus. Natürlich dürfen die Plattenbauten nicht fehlen und die Ausstellungs-Pavillons zwischen Alex und Strausberger Platz. Dazu zählen unter anderen das Café Moskau und der ehemalige Kosmetiksalon Babette, die heute ein Muss für Nachtschwärmer sind. Aus eigener Erfahrung kann ich nur berichten, dass es sich dort gut feiern lässt. Aber nur, wenn man die richtige Party für seinen Geschmack erwischt!

 

die Türme am Frankfurter Tor zeigen sich besonders zum Sonnenuntergang von ihrer romantischen Seite
die Türme am Frankfurter Tor zeigen sich besonders zum Sonnenuntergang von ihrer romantischen Seite
ein bisschen neue Kunst hier...
ein bisschen neue Kunst hier...
...ein bisschen alte Kunst da!
...ein bisschen alte Kunst da!

Die Karl-Marx-Allee heute - das Kiezleben fehlt


Heute erstrahlt die Karl-Marx-Allee fast überall wieder im alten Glanz, dank finanzkräftiger Investoren. Doch zum Glück wurde nicht totsaniert wie in vielen anderen Ecken im Osten Berlins. Einige alte Geschäfte und Läden sind noch erhalten geblieben, auch wenn die wirtschaftliche Lage wohl nicht immer rosig aussieht. Das Abgedreht ist noch da, die Apotheke an der Weberwiese, das Café Sibylle, in dem regelmäßig Ausstellungen zu sehen sind, das Kino International, welches sich als Programm- und Berlinale-Kino durchgesetzt hat...alle sind sie noch da. Im Sommer kann ich das James June empfehlen, der Biergarten auf der Ecke am U-Bahnhof Weberwiese, gleich neben dem Computerspiele-Museum.

 

im Sommer lässt es sich im James June herrlich bei Bierchen und Burger sitzen und entspannen; wilde 90ziger Parties finden hier auch statt!
im Sommer lässt es sich im James June herrlich bei Bierchen und Burger sitzen und entspannen; wilde 90ziger Parties finden hier auch statt!
das Abgedreht am Frankfurter Tor ist bei den Ur-Berlinern bekannt und beliebt und bietet zur Féte de la Musique immer durfte Mucke
das Abgedreht am Frankfurter Tor ist bei den Ur-Berlinern bekannt und beliebt und bietet zur Féte de la Musique immer durfte Mucke
wer aufmerksam über die Karl-Marx-Allee schlendert, findet überall Relikte aus der alten Zeit
wer aufmerksam über die Karl-Marx-Allee schlendert, findet überall Relikte aus der alten Zeit

auch die Straßenbeleuchtung bzw. die Laternen wurden aufwendig saniert und rekonstruiert
auch die Straßenbeleuchtung bzw. die Laternen wurden aufwendig saniert und rekonstruiert

Die Karl-Marx-Allee ist heute das längste zusammenhängende Baudenkmal Deutschlands. Für mich ist sie ein Teil meiner Kindheit und Jugend. Auf dem Weg zu meinen Großeltern musste ich die große Straße kreuzen und manches Mal auch alleine, ohne an der Hand meiner älteren Geschwister zu sein - wie aufregend. Der Klassiker war natürlich das Kino Kosmos, wo all die Kinderfilme wie Lollek und Bollek gespielt wurden, eingeläutet mit dem klassischen Kino-Gong. Ich kann mich auch noch ganz dunkel an einen Aufmarsch zu den Feierlichkeiten der Gründung der DDR erinnern. Da habe ich aber die Hand meines Opas nicht losgelassen. Später war das Abgedreht am Frankfurter Tor wie ein zweites Wohnzimmer, wenn die Schule aus war oder wir sonntags abends noch etwas essen wollten.

 

auch mal mitten auf der Karl-Marx-Allee ein Sofa aufstellen, nicht schlecht...gefunden beim Eingang zur Pablo-Neruda-Bibliothek
auch mal mitten auf der Karl-Marx-Allee ein Sofa aufstellen, nicht schlecht...gefunden beim Eingang zur Pablo-Neruda-Bibliothek
ein paar Blümchen gibt es am Frankfurter Tor auch, trotz Baustelle!
ein paar Blümchen gibt es am Frankfurter Tor auch, trotz Baustelle!
das ist bestimmt Kunst und kann nicht weg!
das ist bestimmt Kunst und kann nicht weg!

Ich habe immer noch diesen Traum von der riesigen Dachgeschosswohnung rechter Hand des Kino Kosmos. Es wird ein schöner Traum bleiben, denn wenn ich ganz ehrlich bin, ist es mir hier eigentlich doch zu laut. Immerhin gehen hier die vier und fünf Spuren der B5 entlang. Dann wiederum ist ein es wenig zu ruhig, vor allem in den Abend- und Nachtstunden, denn da ist die Allee menschenleer, schon fast gespenstisch. Hier könnten dann auch Strohballen über den Gehweg rollen. Abgesehen von den erwähnten Lokalen fehlt es an Bars, Spätis, urigen Kneipen und kleinen Läden. Das eigentlich Leben spielt sich dann doch abseits der Karl-Marx-Allee ab. Aber ich bin mir sicher, dass sich das auch noch ändern wird. So wird es schon seit ein paar Jahren in den diversen Zeitungsblättern geschrieben. Wir werden sehen und vielleicht sieht es nächsten Sommer schon anders aus!

 


 

weitere interessante und lesenswerte Links zur Geschichte und dem hier und heute der Karl-Marx-Allee:

 

Das neue Leben der Stalinallee, von

Allee der Arbeiter, ein kurzer Film, Zeitonline 2013

Geschichtswerkstatt Stalinallee

Die Geschichte einer Straße, Deutschlandradio 2012, Transkription

Fahrspuren der Geschichte, von Philipp Vetter, Frankfurter Allgemeine 2008